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Maria Montessori IV. Warum bezeichnet Maria Montessori ihre entwickelten Materialien als "Schlüssel zur Entdeckung der Welt"?
Die von Maria Montessori entwickelten didaktischen Materialien sind "Hilfsmittel" um die Welt zu entdecken. Mit diesen Materialien kann das Kind selbständig und selbsttätig arbeiten, es lernt mit allen Sinnen, es begreift durch Greifen, was seinem Bewegungsdrang entgegenkommt. Diese Materialien sind systematisch aufgebaut, sie beziehen sich aufeinander und geben dem Kind dadurch Sicherheit. Der Schwierigkeitsgrad vergrößert sich allmählich, das Kind kann gewonnene Erfahrungen wiederfinden. Durch die in dem Material liegende Fehlerkontrolle kann sich das Kind selbst korrigieren, es ist unabhängig vom Erzieher und wird dadurch selbständig. Es entdeckt die Gesetzmäßigkeiten des Lebens durch selbständiges Lernen und spontane Aktivität.
Maria Montessori legte besonderen Wert darauf, daß die Materialien lediglich "Schlüssel zur Welt" und nicht die Welt selbst seien. Die gute Pädagogin muß die natürliche Umgebung des Kindes mit all ihren Möglichkeiten "sinnvoll" mit einbeziehen. - Grundvoraussetzung für die Arbeit mit den Materialien ist die optimale Einführung durch den Erzieher!
Maria Montessori fordert vom Lehrer eine gute Materialkenntnis, die es ihm erlaubt, dem Kind die vorhandenen Materialien darzubieten. Es genügt nicht, Montessori-Materialien in den Raum zu stellen und abzuwarten. Vielmehr ist die richtige Einführung von allergrößter Bedeutung.
Die Darbietung muß klar und eindeutig sein, wichtig dabei sind nicht viele Worte und Erklärungen des Lehrers, vielmehr hat das Material selbst seine eigene Sprache und ermöglicht dem Kind autodidaktisches, anschauliches Lernen.
Die Bewegungen des Lehrers müssen langsam und deutlich sein, es muß darauf geachtet werden, daß der Kontakt zwischen Kind und Material ungehindert ist.
Der Ablauf der Materialeinführung muß vollständig gezeigt werden, denn nur so kann das Kind selbständig die Tätigkeit übernehmen. Ist dies geschehen, so sollte sich der Erzieher entfernen und das Kind weiterhin beobachten.
Falls das Kind etwas falsch macht, darf es nicht getadelt und entmutigt werden, vielmehr sollte der Erzieher die Darbietung zu einem anderem Zeitpunkt wiederholen.
Natürlich soll ein Kind nie gezwungen werden, eine demonstrierte Darbietung zu wiederholen, es soll sich frei entscheiden, wann es damit arbeiten will.
Schließlich soll noch angemerkt werden, daß die Materialien entweder einem einzelnen Kind oder mehreren Kindern gleichzeitig dargeboten werden, jedoch hat die Einzellektion ein größeres Gewicht.
Vielleicht mag diese Art und Weise der Materialerfahrung für die Kinder eingeengt und steril erscheinen. Kritiker der Montessori-Pädagogik sprechen davon, daß durch die Arbeit mit dem Material die Phantasie der Kinder eingeschränkt würde. Nein, denn durch die Ordnung der Materialien und der Handhabung erfährt das Kind eine innere Ordnung, die ihm zur Freiheit seines schöpferischen Handelns verhilft und es zu einem freien Menschen werden läßt. - Maria Montessori entwickelte eine Vielzahl von Materialien!
Maria Montessori entwickelte ihre Materialien aus ihrer pädagogischen Arbeit mit den Kindern heraus. Auch heute noch werden Kinder von den Materialien angezogen, deshalb sind die meisten Materialien noch genauso aktuell.
Trotz aller Wichtigkeit der Materialien, betonte Maria Montessori immer wieder, daß nicht das Material, sondern das Kind im Mittelpunkt der Pädagogik stehen soll.
Das von Maria Montessori entwickelte Material umfaßt fünf Kategorien, die nachfolgend kurz zusammengefasst werden:
Am Anfang stehen für sie die Übungen des täglichen Lebens, denn das Kind erlebt täglich, daß die Menschen um sie herum für sich und andere sorgen und die Dinge in ihrer Umgebung pflegen. Dem kleinen Kind sollte schon so früh wie möglich die Gelegenheit gegeben werden, Selbständigkeit und Verantwortung für kleine Pflichten und Aufgaben zu übernehmen. Diese Übungen betreffen mehrere Bereiche. So die Sorge für die eigene Person, z. B. Händewaschen und Schüttübungen, die Sorge für die Umgebung, z. B. Gartenarbeit, die Übungen der sozialen Beziehungen, z. B. für einen Gast den Tisch decken, einen Platz anbieten, usw. Auch gehören hier die Übungen der Kontrolle der Bewegung wie z. B. die Stilleübungen dazu. All diesen Übungen ist zu eigen, daß das Kind hier schon Ausdauer, Konzentration und Bewegungskoordination lernt, denn durch die exakte Ausführung der Übung kann das Kind die Bewegungen und Sinnerfahrungen aufmerksam verbinden und koordinieren. Letztendlich erlangt gerade das kleine Kind schon hier die nötige Selbständigkeit z. B. durch wiederholte Schüttübungen, wird es fähig sein, sich selbst sein Getränk einzuschenken.
Auch das Sinnesmaterial könnte man in verschieden Bereiche einteilen, denn es ist so gestaltet, daß immer nur ein Sinn besonders angesprochen wird. Nur so kann die Wahrnehmung konzentriert und intensiv sein. Maria Montessori spricht hier von der ISOLIERUNG DER EIGENSCHAFTEN, denn dadurch kann das Kind abstrakte Eigenschaften wie z. B. Farbe, Form, Größe, Gewicht, Geruch usw. erst als wahre Eigenschaften ansehen und erkennen. Maria Montessori spricht hier von materialisierter Abstraktion, das bedeutet, daß das Material dem Kind hilft, Gegenstände in seiner Umgebung zu unterscheiden und in seinem Geist zu ordnen. Das Kind wird auf grundlegende, elementare Eigenschaften der Dinge aufmerksam gemacht, welche isoliert und greifbar angeboten werden. Durch die Einfachheit der Sinnesmaterialien kann das Kind durch Wiederholung der Übungen zur Ruhe und Konzentration kommen. Es handelt sich bei diesen Übungen aber nicht nur um isolierte Sinneseindrücke. Das Kind schafft in der Praxis unbewußte Verbindungen zu anderen Materialbereichen. Auch können die Kinder die hier erworbenen Kenntnisse auf Dinge des alltäglichen Lebens übertragen. Das Sinnesmaterial wird auch als Entwicklungsmaterial bezeichnet. Gerade heute leben Kinder in einer immer mehr von elektronischen Medien bestimmten Welt, diese wendet sich primär an den Seh- und Gehörsinn. Es droht eine Verkümmerung der übrigen Sinne, deshalb sollte der Pädagoge dem entgegenwirken und ein Lernen mit allen Sinnen fördern.
Auch beim Mathematikmaterial gelangt das Kind vom Greifen zum Begreifen. Das aktive Tun ist wichtiger als der bloße Moment der Anschauung. Das Kind ist durch die Übungen des täglichen Lebens schon indirekt auf die Mathematik vorbereitet worden, es hat gelernt ordnend zu denken, durch den wiederholten, klaren, logischen Ablauf der Übungen. Auch durch das Arbeiten mit den Sinnesmaterialien haben die Kinder anschaulich gelernt, von abstrakten zu konkreten Vorstellungen zu kommen. Die Kinder haben hier ihren mathematischen Geist durch vergleichen, messen und ordnen aufgebaut. Mit Hilfe des Mathematikmaterials werden den Kindern die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der Mathematik anschaulich und nachvollziehbar gemacht. Die Schwierigkeiten werden begreifbar gemacht. Maria Montessori möchte mit dem Mathematikmaterial, welches der Schlüssel zum abstrakten Denken sein soll, das Kind zum präzisen Arbeiten heranführen, was zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung führt.
Auch findet das Sprachmaterial in der Frühpädagogik Maria Montessoris eine besondere Bedeutung. Denn gerade kleine Kinder im Alter von 3 - 6 Jahren haben einen großen Worthunger, eine Freude ihren Wortschatz zu vergrößern, da sie sich in der sensiblen Phase des Spracherwerbs befinden. Sie haben von Natur aus das Bedürfnis, das Schreiben und Lesen zu erlernen. Der Montessori-Pädagoge muß wissen, daß die Sprache eine vitale, menschliche Ausdrucksform ist, die vom Kind zunächst selbst kreiert wird. Der Erzieher soll dem Kind eine klare, ausführliche, reichhaltige und intelligente Sprache anbieten, die Gefühle ausdrückt.
Das Sprachmaterial Montessoris, welches systematisch aufgebaut ist, soll die Sprachbildung Schritt für Schritt erweitern. Im Alter zwischen 4 und 6 Jahren entdecken Kinder, daß Worte aus Klängen zusammengestellt sind, die durch geschriebene Zeichen sichtbar gemacht werden können. Sie entdecken, daß verschiedene Worte, verschiedene Funktionen haben können. Dies ist der Schlüssel, der ihnen bewußt macht, daß sie eine Muttersprache besitzen. Durch die Sprache erhalten sie den Zugang zur Welt. Sie entdecken, daß sie durch die phantastische Existenz der Sprache viel Interessantes erfahren können. Maria Montessori entwickelte letztendlich spezielles Material zur kosmischen Erziehung. Ihr Ziel war damit, eine Kultivierung von Gefühlen und die Förderung einer neuen Moral zu erreichen. Gefühle wie Bewunderung und Dankbarkeit, Staunen und Begeisterung und Liebe sollen der Natur gegenüber geweckt werden. Wichtig ist Montessori auch die Aufgabe, jenes menschliche Verstehen und jene Solidarität zu entwickeln, die heute oft fehlen. Durch die Arbeit mit dem kosmischen Material möchte Maria Montessori den Kindern den Zugang zur Welt ermöglichen. Sie sollen dies aber nicht durch Anhäufen von Einzelwissen erlangen, sondern durch ein anschauliches, greifbares Lernen. Die Kinder sollen aus diesem Verständnis heraus Verantwortung gegenüber der Natur und Kultur übernehmen können. Das Arbeiten im Garten z. B. ermöglicht den Kindern das Miteinander von Welt und Kosmos zu erfahren.
All die hier aufgeführten Materialien können dazu verhelfen, daß sich das Kind voll und ganz auf eine Arbeit konzentriert. Kinder besitzen die Fähigkeit, sich durch nichts stören zu lassen. Es entsteht eine tiefe von innen kommende Bindung an den Gegenstand. Diese konzentrierte Tätigkeit, was Maria Montessori als Polarisation der Aufmerksamkeit bezeichnet, hat eine "normalisierende" heilende Wirkung auf das Kind. Es wird gelöster, heiterer und ausgeglichener.
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