Kindergarten FARBKLECKS DAXBERG

Maria Montessori

II. Das Kind ein Individuum!

Jeder Mensch ist für Maria Montessori ein einmaliges, unverwechselbares Individuum. Sie spricht in diesem Zusammenhang auch davon, daß der Mensch nicht nur ein Exemplar der Gattung ist, auch nicht ein Kunstwerk der Natur, sondern ein einmaliges Geschöpf Gottes. Die Kräfte, die im Kind wirksam sind, sind für Maria Montessori letztendlich göttliche Kräfte.

Maria Montessori hatte durch ihre umfassende Arbeit Erkenntnisse gewonnen, die hohe Anforderungen an den Erzieher stellen.

  1. Was sollten wir von der Anthropologie des Kindes wissen?

    Der Mensch ist für Maria Montessori ein personales Wesen. Diese Personalität, welche allen Menschen eigen ist, ist unabhängig von ihrer Rasse, Kultur, Religion und Geschlecht und unterteilt sich in Individualität und Sozialität.

    Maria Montessori setzt dahingehend Akzente, daß bis zum Ende der Kindheit (12 Jahre) die Förderung der Individualität im Vordergrund steht, danach im jugendlichen Alter, die Sozialität, besonders die Förderung in Hinblick auf kosmische und gesellschaftliche Dimensionen.

    Welche Verantwortung hat der Erwachsene für das Kind von der Zeugung bis zur Geburt?

    Die Medizinerin hat sich natürlich mit dem Prozeß beschäftigt, wie Leben entsteht. Sie beschreibt präzise den Vorgang, wie sich aus einer einfachen Keimzelle (entstanden aus der Verschmelzung zweier Zellen) durch Teilung ein sehr komplizierter Organismus entwickelt.

    Sie sprach immer wieder von einem "geheimen inneren Bauplan", der der Entwicklung des Lebens zugrunde liegt. Der Embryo entfaltet sich nach einem biologischen Plan, der nicht starr und schematisch ist. Es ist ein ganzheitlicher Gestaltungsprozeß, der sich nach den Anlagen (schöpferischen Potentialen) und der Umwelt vollzieht. Maria Montessori glaubt, daß das Kind ein aktives Seelenleben schon seit der Zeugung besitzt. Deshalb spricht sie auch von einer pädagogischen Verantwortung der Erwachsenen gegenüber dem ungeborenen Kind. Denn das Kind "lernt" bereits im Mutterleib, durch seine Sinne reagiert es auf "Reize" von außen.

    Die Geburt - ein Trauma?

    Maria Montessori schreibt: "Das Kind, das den Mutterleib verläßt, tritt nicht in eine natürliche Umwelt ein, sondern in die Umwelt der Zivilisation, in der sich das Leben der Erwachsenen abspielt, es ist eine außernatürliche Umwelt.

    Dieser Augenblick der Geburt ist für das Kind ein radikaler Übergang von einem Reich der Stille in eine Welt mit lauten Geräuschen, Licht und Schrecken, die für den Säugling brutal sein muß. Dieser Übergang, muss durch eine sanfte Geburtshilfe und eine liebevolle Mutter so rücksichtsvoll wie möglich geschehen, um dem Kind ein nachhaltiges Trauma zu ersparen.

    Maria Montessori hatte durch ihre umfassende Arbeit Erkenntnisse gewonnen, die hohe Anforderungen an den Erzieher stellen.
     
  2. Besitzt das kleine Kind von Anfang an ein psychisches Leben? 

    Der Embryo benötigt Unterstützung für seine seelisch-geistige Entwicklung!

    In der Literatur Maria Montessoris liest man oft von dem "geistigen Embryo", sie spricht hier das Seelenleben des Kindes an, welches über einen "geheimen inneren Bauplan der Seele verfügt". Sie schreibt, daß der Mensch in der Natur eine Sonderstellung einnimmt; denn im Vergleich zur Tierwelt ist der Mensch arm an Instinkten, er ist nicht von seinen Anlagen abhängig, sondern er verfügt über "Potentialitäten", welche sich auf Kosten der Umwelt entfalten müssen.

    Das Kind muß den Charakter seiner Umwelt annehmen, es muß Verhaltensweisen erst erlernen, die nötig sind, um zu überleben und sich weiterzuentwickeln.

    Sie spricht hier von zwei Phasen: zum einen von der "pränatalen" Embryonalzeit, welche beim Kind neun Monate dauert und der postnatalen Embryonalzeit, die ungefähr zwei Jahre dauert. Während der Embryo im Mutterleib Schutz und Geborgenheit braucht, bedarf der geistige Embryo einer Umgebung, die sinnvolle Reize und Anregung bietet, damit sich das kleine Kind gut entwickeln kann.

    Im Gegensatz zum Erwachsenen eignet sich das Kind nicht Wissen durch Intelligenz an, sondern allein dadurch, daß es lebt!

    Kinder erleben sehr intensiv ihre Umwelt, sie leben mit allen Sinnen, sind neugierig, aufnahme- und anpassungsfähig, sie lernen und erleben ganzheitlich. Das Kind lernt, indem es lebt. Die Eindrücke, die auf das Kind einwirken, dringen in dessen Geist ein und formen es. Maria Montessori spricht hier vom "absorbierenden Geist", das bedeutet, das Kind inkarniert die Eindrücke seiner Umgebung. Es ist eine privilegierte Geistesform, die für uns Erwachsene schwer zu begreifen ist.

    Gerade deshalb ist es wichtig, das Kind in seiner ersten Periode der Entwicklung dahingehend zu unterstützen, seinen Charakter zu bilden. Wir dürfen ihnen nicht mehr unsere Ideen, Taten und Worte aufdrängen, wir dürfen ihnen keine Hindernisse in den Weg stellen. Vielmehr müssen wir den Kindern eine verständnisvolle und anregende Umgebung schaffen, um ihnen die Möglichkeit zu lassen, mit Hilfe ihres "absorbierenden Geistes" ganzheitlich zu lernen. Das Kind saugt diese Eindrücke wie ein "Schwamm" auf und speichert diese unbewußt. Es arbeitet lange Zeit im "Geheimen" an seiner Entwicklung, wie beispielsweise dem Erwerb der Muttersprache. Das Kind nimmt unbewußt alle Wörter auf und mit etwa 3 Jahren kommt es zu einer wahren "Explosion": das Kind kann z. B. richtige Sätze bilden, kennt viele Begriffe und beherrscht die wichtigsten grammatikalischen Regeln.

    Wir Erwachsenen müssen den Kindern die Gelegenheit geben, die "sensiblen Phasen" zu nutzen.

    Fällt es uns nicht auf, beim Beobachten kleiner Kinder, daß sie zu bestimmten Zeiten besonders offen und interessiert sind?

    Maria Montessori bringt gerade dieser Zeit zwischen 0 und 6 Jahren große Beachtung entgegen. Sie nennt diese Zeiten "sensible Phasen", abgeleitet von einer biologischen Entsprechung, die besagt, daß Tiere besondere Empfänglichkeitsperioden besitzen. Maria Montessori entdeckte, daß dieselben "sensiblen Perioden" auch bei Kindern festzustellen waren.

    Die Kinder besitzen für eine bestimmte Dauer eine besondere Empfänglichkeit, um bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln. Ist dies geschehen, klingt die betreffende Empfänglichkeit wieder ab.

    Gerade aus dem Wissen um diese Empfänglichkeitsperioden, leitet Maria Montessori ihre pädagogischen Prinzipien ab.

    Die "innere Empfänglichkeit" bestimmt, was das Kind im Moment aufnehmen will und kann. Sie ist es, welche die Kinder auf gewisse Dinge achten läßt und auf andere nicht. Wie ein Scheinwerfer wird ein Teil der kindlichen Seele erhellt. Das Kind entwickelt eine besondere Fähigkeit, Dinge mit Lust und Leichtigkeit zu lernen.

    Zu einem anderen Zeitpunkt würde es das Gleiche mit sehr viel mehr Mühe, willentlicher Anstrengung und weniger Freude erlernen.

    Wird auf das Kind in den entsprechenden "sensiblen Phasen" aufmerksam eingegangen, stellt sich ein aktives, zufriedenes Verhalten ein. Natürlich ist damit nicht gemeint, alle Wünsche des Kindes zu erfüllen. Vielmehr sollte dem Kind die Möglichkeit zur Eigenaktivität und Selbsttätigkeit gegeben werden.

    Maria Montessori beobachtete in den ersten 3 Lebensjahren "sensible Phasen" für die Bewegung, den Spracherwerb und für Ordnung.

    Ganz wichtig ist, daß der Zeitpunkt für das Auftreten einer sensiblen Phase beim einzelnen Kind nicht vorhersehbar ist. Jedes Kind hat seine eigene Zeit.

    Die vor allem in den ersten Lebensjahren zuzuordnende "sensible Phase der Bewegung" drückt sich im unermüdlichen Bewegungsdrang der Kinder aus. Aber auch ein grundlegendes Bedürfnis nach richtiger Bewegungskoordination ist vorhanden. Denkt man an das Laufenlernen: das Kind übt unablässig bis es letztendlich selbständig und unabhängig vom Erwachsenen die ersten Schritte wagt.

    Wie schon erwähnt, lernt das Kind mit Hilfe des "absorbierenden Geistes" und der entsprechenden sensiblen Periode, scheinbar ohne bewußte Willensanstrengung, seine Muttersprache in den ersten 3 Lebensjahren.

    Maria Montessori stellte fest, daß Kinder im Alter von etwa 2 Jahren eine ausgeprägte Liebe für Ordnung haben. Nicht nur die räumliche Ordnung ist damit gemeint, sondern auch beispielsweise eine verläßliche Ordnung im Tagesablauf und in der Beziehung zu seiner Bezugsperson. Denn gerade Klarheit bezüglich des Raumes und des Materials, der Zeit und der Personen geben dem Kind den nötigen Halt, Sicherheit und Orientierung, die wichtig für seine gesunde Entwicklung sind.
     
  3. Müssen wir dem Kind seiner Entwicklungsperiode entsprechend Raum geben, um sich zu entfalten?

    Eine grundlegende Erkenntnis, die Maria Montessori gewann, um ihrer Pädagogik die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, ist, daß wir als Erwachsene den Kindern den seiner Entwicklungsphase entsprechenden Raum geben müssen, um sich zu entfalten.

    Sie beschreibt in ihrem Buch (Kinder sind anders), daß es die erste dringende Aufgabe der Erziehung sein müßte, das Kind, welches ein "verborgener Mensch", ein "unbekanntes Wesen" ist, zu befreien. Das verborgene im Wesen des Kindes, seine wahren Charakterzüge werden oft durch die Umwelt verdeckt. Deshalb sollte es unsere Aufgabe sein, dem Kind eine offene Umwelt zu bieten, die ihm alle Hindernisse (auch uns Erwachsene) auf ein Mindestmaß reduziert. So wird sich die kindliche Seele offenbaren können und das Kind zur Selbständigkeit heranreifen können.

    Die gesamte Erziehung orientiert sich an vier Entwicklungsstufen!

    Maria Montessori unterscheidet vier verschiedene Entwicklungsstufen des Kindes, an denen sich unsere Erziehung ausrichten sollte.

    Die erste Stufe im Alter von der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr, nennt sie die schöpferische Periode. Dies ist die Zeit des unbewußten, sinnlichen Lernens. Das Kind will in dieser Zeit unabhängig und selbständig werden und Dinge alleine machen können. Gerade in dieser Phase ist für uns Erwachsene die eigene Ungeduld ausschlaggebend, dem Kind Hilfen anzubieten, die es nicht will. "Hilf mir, es selbst zu tun" ist besonders in dieser schöpferischen Periode von allergrößter Bedeutung. Denn das Kind will und soll in Freiheit handeln dürfen. Es lernt sich selbst zu helfen, es lernt konzentriert zu arbeiten, das Kind will lernen, es will etwas tun dürfen.

    In der Zeit vom sechsten bzw. siebten Lebensjahr bis zum zwölften Jahr erleben wir beim Kind eine völlige körperliche, geistige und seelische Veränderung. Die Zähne fallen aus, das Kind streckt sich körperlich, verändert sein Äußeres. Auch in seiner geistigen Entwicklung ist zu beobachten, daß sich das Denken vom Konkreten zum Abstrakten vollzieht, es stellt philosophische Fragen. In dieser Phase sollte der Erwachsene das Fundament schaffen, worauf sich seine moralische Orientierung aufbauen kann. Das Kind möchte alles auf das Gute und Absolute hin ausrichten. Wichtig ist hier auch, dem Kind die Möglichkeit zu geben, soziale Kontakte aufzubauen, denn das Sozialverhalten der Kinder äußert sich jetzt aktiv und bewußt.

    Die dritte Phase, die Adoleszenz, umfaßt Jugendliche von zwölf bis achtzehn Jahren. Maria Montessori fordert für diese Zeit den Kindern eine "Ruhezeit". Sie möchte den Kindern nicht allzuviel abverlangen, in der Schule wie auch in der Familie sollen die Kinder nicht eingeengt werden. Wir sollten Jugendlichen Freiheit und Eigenständigkeit ermöglichen und sie in ihrer persönlichen Würde achten.

    Mit achtzehn Jahren sollte der junge Mensch eine nötige Reife besitzen, die er durch das Erleben aller vorherigen Stufen erlangt hat.

    Das Erziehungsziel Maria Montessori ist der freie Mensch, der fähig ist, sein Leben selbst zu gestalten.

     
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